Geschlechtertanz, Augsburg, 1500, Kunstsammlungen und Museen Augsburg

Bettler, Gaukler, Vogelfreie

Im Augsburg der Renaissance waren nicht alle reich wie Herr Fugger.

Manche konnte man nicht unter die Haube bringen.

Viele konnten nicht einmal Lehrgeld bezahlen.

In der Rolle einer braven Handwerkersgattin weihte Frau Alexandra Johns-Kraft die Teilnehmer der Stadtführung „Bettler, Gaukler, Vogelfreie“ am 15. April 2018 in die Fallstricke der damaligen Gesellschaft ein.

Alexandra Johns-Kraft führt durch ihr Augsburg

Wie leicht konnte man seinen Status verlieren und unehrbar werden. Durch Ehrenstrafen für Falschspiel, Zanken oder Eselei wie den Pranger, der Verdacht der Hexerei, Krankheiten wie die Lepra, unreine Tätigkeiten wie dem Helfen bei der Bestattung oder nur durch Berühren unehrbarer Personen wie dem Henker, konnte ein Bürger seine Ehrbarkeit und damit seinen Beruf, seine Familie und den Schutz der Gesellschaft verlieren.

Dem Henker kamen in dieser Zeit eine ganze Reihe von Aufgaben zu; nicht nur Bestrafung oder peinliche Befragung und das Versorgen der dadurch entstandenen Verletzungen gehörten zu seinen Aufgaben. Er beaufsichtigte das „Hurenhäusl“ für die unverheirateten Handwerksgesellen, die Latrinenreiniger, die „Könige der Nacht“ und war damit ein Eckstein der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Man schlich sich heimlich nachts zu ihm, um Knochen einrichten zu lassen und Menschenfettsalben gegen Zipperlein und Gicht zu erwerben. Bei Licht hätte man das nie getan. Aus Angst vom Henker berührt zu werden, hatte er nicht nur einen eigenen Platz mit eigenem Besteck, in dem einen Gasthaus, das er besuchen durfte. Die Berührungsängste waren so groß, dass er sogar einen eigenen Metzger und einen eigenen Bierbrauer hatte.

Auch sonst hatte in der Stadt ein jeder seinen Platz. Vom Findelkind zum Handwerksmeister war genau geregelt, was man wie tun durfte. Kirche, Stadtrat und Zünfte regelten das gesellschaftliche Leben, sogar, wann man „die Sau rauslassen“ durfte um den Kaiser nicht zu stören.
Nur wann man den Löffel abgeben musste war nicht geregelt.

Text: Andreas Kraft

 

Fotos: Kirsten Bokelmann

Abschluss hinter dem Rathaus beim Eisenberg, der Wirkungsstätte des Henkers